Eine neue urbane Agenda für nachhaltige Entwicklung

Eine neue urbane Agenda für nachhaltige Entwicklung

Erschienen am 23. September 2016 in fairquer.net


Gegenwärtig lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Bis 2050 wird der Anteil der Menschen in urbanen Räumen laut Prognosen der Vereinten Nationen auf zwei Drittel ansteigen. Städte versprechen Arbeit und Wohlstand, sie sind Zentren des sozialen und kulturellen Lebens, Nährboden gesellschaftlicher und politischer Modernisierung, wissenschaftlichen Fortschritts und wirtschaftlicher Entwicklung. Gleichzeitig sind sie aber auch die Hauptverursacher der globalen Herausforderungen im 21. Jahrhundert: Städte wachsen beständig über fruchtbare Landflächen und Naturräume hinweg und sind für über 60% des weltweiten Energieverbrauchs, etwa 70% der globalen Treibhausgasemissionen und über 70% der globalen Abfallproduktion verantwortlich. Es ist naheliegend, dass eine gesellschaftliche Transformation zur Nachhaltigkeit in Zukunft mehr und mehr auf urbane Lösungsansätze angewiesen sein wird. Auf der dritten Weltsiedlungskonferenz wird hierzu im Oktober eine gemeinsame Neue Urbane Agenda formuliert, die im Kontext des Entwicklungsziels Nachhaltige Städte und Gemeinschaften in den kommenden zwanzig Jahren einen (entwicklungs-)politischen Orientierungsrahmen für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung auf nationaler und lokaler Ebene bietet.


Herausforderungen des Städtewachstums

Wie im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts wird die Siedlungsentwicklung in den Schwellenländern etwa seit den 1970er Jahren stark durch die Abwanderung vom Land in den urbanen Raum bestimmt. Konflikte, politische Reformen, die Liberalisierung der Märkte, Armut oder die Auswirkungen des Klimawandels drängen Menschen aus ihrer ländlichen Heimat in Städte, die ein besseres Leben versprechen. Allerdings wird der Zuwanderungsdruck auf die urbanen Räume heute erheblich durch das globale Bevölkerungswachstum verstärkt. In kurzer Zeit entstanden vor allem in Asien, Afrika und Lateinamerika Megastädte und Metropolregionen, die gegenwärtig um etwa 1,4 Millionen Menschen pro Woche anwachsen. Ein Großteil des Wachstums der Städte entfällt auf informelle oder illegale Siedlungen, weil städtische Flächen und angemessener Wohnraum nicht in ausreichendem Umfang vorhanden sind. Schätzungen zufolge leben heute etwa eine Milliarde Menschen in Slums ohne sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitäreinrichtungen, ohne Abfallentsorgung, ohne elektrischen Strom, ohne ein ausgebautes Straßennetz und ohne ein funktionierendes Regenentwässerungssystem. In einigen marginalisierten Stadtvierteln kontrollieren kriminelle Gruppen den Zugang zu Wohnraum, Wasser, Strom und Sicherheit. In wohlhabenderen Stadtteilen entstehen von privaten Sicherheitsdiensten bewachte Gated Communities. Das staatliche Gewaltmonopol der Stadtregierungen und die Möglichkeiten politischer Steuerung werden durch diese Entwicklungen zunehmend geschwächt. Das Städtewachstum bringt neben sozialen auch erhebliche ökologische Herausforderungen mit sich, die kaum zu kontrollieren sind: Motorisierte Mobilität führt zu permanenten Verkehrsinfarkten und Luftverschmutzung, Abfälle kontaminieren Grundwasser und Flüsse und zerstören die natürlichen Lebensräume, an den sich ständig verschiebenden urbanen Rändern. Städte werden die Auswirkungen des Klimawandels in Form von Extremwetterereignissen bewältigen müssen, wobei die Bewohnerinnen instabiler Behausungen in geologisch problematisch gelegenen informellen Siedlungsgebieten besonders bedroht sind. Die Kosten der genannten Probleme sind unter der Stadtbevölkerung sehr ungleich verteilt. Stadtentwicklung muss sich deshalb als sozial-ökologisches Projekt verstehen, dass sich mit der Transformation zur Nachhaltigkeit vor allem auch der Herausforderung der Armutsbekämpfung widmen muss.


Armutsbekämpfung ist nachhaltige urbane Entwicklung

Der Erfolg einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung wird, nicht nur im globalen Süden, wesentlich davon abhängen, inwieweit die Grundbedürfnisse ärmerer, marginalisierter Bevölkerungsgruppen berücksichtigt sowie deren Bemühungen um eine Verbesserung ihrer Lebensumstände unterstützt werden. Ziel einer urbanen Agenda muss es sein, geeignete Bedingungen zu schaffen, die es Stadtbewohnerinnen erlauben, legale Handlungsstrategien zur Lebensgestaltung zu verfolgen und die eine Alternative zu den problematischen Versorgungs- und Gewaltökonomien bieten, die sich in den abgeschlossenen Parallelgesellschaften der Megastädte herausgebildet haben. Einen Weg zu einer gemeinsamen Stadtentwicklung bieten Kooperationen zwischen Bewohnern informeller Siedlungen und den städtischen Verwaltungen, wie sie von Slum Dwellers International (SDI), einem internationalen Netzwerk von Slumbewohnerinnen, angeregt wurden. Hierdurch hat sich gezeigt, dass städtische Wohnungsbauprogramme den urbanen Raum so strukturieren müssen, dass Bewohnerinnen nicht aus ihren bisher entwickelten Beziehungs-, Informations- und Erwerbsnetzwerken herausgerissen werden. Es zahlt sich aus, in den Ausbau eines bezahlbaren öffentlichen Transportsystems zu investieren, das allen die gleichen Zugangsmöglichkeiten in die urbanen Zentren eröffnet. Verkehrsinfrastrukturen werden entlastet, Ressourcenverbrauch, Umweltbelastung und Gesundheitsrisiken deutlich reduziert.
Wissensaustausch in Städtenetzwerken, Anwendung nachhaltiger Technologien und die aktive Einbeziehung der Zivilgesellschaft in urbane Planungsprozesse haben sich als wichtige Faktoren für eine nachhaltige Stadtentwicklung erwiesen. So haben zahlreiche Transition-Town-Initiativen in Australien, Europa, Kanada oder den USA auf der Grundlage von Bürgerbeteiligung und kommunalen Kooperationen bereits Strategien für einen lokalen Wandel entwickelt und umgesetzt.